Wissenschaftskommunikation findet heutzutage größtenteils auf geschlossenen kommerziellen Plattformen statt. Intransparente Algorithmen entscheiden dort, welche Inhalte sichtbar werden und welche nicht. Die Universitäten haben sich den kommerziellen Mechanismen weitestgehend unterworfen und versuchen mit allen Mitteln, die Algorithmen zu bespielen. Das Fediverse, ein dezentrales Netzwerk auf Basis offener Standards, gibt Wissenschaftler*innen, Fachgesellschaften wie der DMV und Universitäten die Kontrolle über ihre Kommunikation zurück. Das ist keine neue Erfindung, sondern eine Rückkehr zu den offenen Prinzipien, auf denen das Internet einmal aufgebaut war.
Preprint eines Beitrags für die Mitteilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung.
Das Internet war einmal offen und es gehörte uns. Die Universitäten waren hier Vorreiter: Sie betrieben die ersten Server, vergaben die ersten E-Mail-Adressen, stellten die ersten Internetzugänge bereit. E-Mail, Usenet, IRC, Blogs, RSS-Feeds: diese frühen Protokolle des Netzes sind föderiert und dezentral. Es galt Netzneutralität, das Prinzip, dass das Netz keine Daten bevorzugt oder benachteiligt und niemand kontrolliert, wer mit wem kommuniziert.
Seit den 2010er-Jahren änderte sich das grundlegend. Wenige riesige Plattformen wie Google, Facebook, Twitter, Instagram und Amazon zentralisierten sowohl die digitale Kommunikation als auch die Technologie und die Netze darunter. Deren Geschäftsmodell ist darauf aufgebaut, zunächst mit Bequemlichkeit und gutem Service ein großes Wachstum und Marktdominanz zu erreichen, um dann die Daumenschrauben anzuziehen. Der kanadische Autor Cory Doctorow prägte für dieses etablierte Modell den Begriff „Enshittification”. Heutzutage entscheiden proprietäre Algorithmen, wer welche Inhalte sieht. Nicht Relevanz bestimmt die Sichtbarkeit, sondern Monetarisierbarkeit. Die Plattformen sind psychologisch darauf optimiert, Nutzer*innen möglichst lange am Bildschirm zu halten. Informierter Diskurs findet nur statt, wenn er kompatibel mit den monetären Zielen ist. Wenn in der öffentlichen Diskussion die Wissenschaft auf Desinformation trifft, weiß der Meta-Konzern sicher, auf welcher Seite er steht: Im Januar 2025 schaffte Mark Zuckerberg bspw. die unabhängigen Faktenchecker auf seinen Plattformen ab. Über drei Milliarden Menschen sehen heute, was Meta-Algorithmen ihnen zeigen. Während früher alle sehen konnten, was die Titelseiten der Zeitungen am Kiosk zeigten, erhalten die Menschen heute personalisierte und KI-generierte Inhalte, die sie größtenteils nie aktiv bestellt haben. Wer welche Inhalte wie oft sieht, ist völlig intransparent und keiner Medienaufsicht zugänglich. Die offenen Schnittstellen, über die soziale Netzwerke früher abgefragt und somit erforscht werden konnten, sind längst geschlossen. Selbst einfache Links nach außen werden unterdrückt: Instagram bspw. erlaubt in Posts keine klickbaren URLs. Wer auf eine Quelle verweisen will, muss auf den „Link in der Bio” verweisen. Auf Microsofts LinkedIn werden Beiträge mit Links auf externe Webseiten vom Algorithmus abgestraft, was dazu geführt hat, dass Nutzer*innen die Links nun in den ersten Kommentar schreiben. Solch kreative Umgehung von Zensur kennt man sonst von Internetnutzer*innen in autoritären Staaten. Sie bleibt aber immer ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Anbietern, die das natürlich bemerken und wieder einschränken. Alle großen Plattformen unterliegen zudem US-amerikanischer Jurisdiktion. Diese erlaubt US-Behörden weitreichenden Zugriff auf Nutzerdaten, auch ohne richterliche Einzelfallprüfung.
Natürlich gibt es auf kommerziellen Plattformen auch Inhalte, die man gerne liest und eventuell sogar für die eigene Arbeit und Weiterbildung verfolgen muss. Wer aber dort selbst publiziert, legitimiert und stärkt Strukturen, die freiem Diskurs entgegenstehen. Dieser Artikel stellt die Frage: Warum tun wir das weiterhin jeden Tag?
Die Mathematik hat eine lange Tradition, eigene und bessere Lösungen für Probleme zu finden. Der Elsevier-Boykott (The Cost of Knowledge, 2012) zeigte, dass die Community sich gegen überhöhte Verlagspreise organisieren kann. Mit dem arXiv nutzt die Mathematik seit 1991 Preprints als Norm, lange bevor andere Disziplinen Open Access entdeckten. Freie Software wie SageMath, GAP, Macaulay2 oder OSCAR gehört selbstverständlich zu unserem Werkzeugkasten. Die Grundhaltung, dass Beweise offen liegen und nachvollziehbar sein müssen oder dass unsere Ergebnisse niemandem gehören, sondern nur die Wahrheit ausdrücken, ist tief in der mathematischen Kultur verankert.
Das Fediverse ist ein dezentrales Netzwerk auf Basis offener Protokolle. Es ist die logische Fortsetzung der Kultur und Technik des frühen Internets im Bereich der modernen digitalen Kommunikation und sozialen Medien.
Das Prinzip des Fediverse (von „federation” und „universe”) ist dasselbe wie bei E-Mail. Verschiedene Akteure betreiben Server, die sich über ein gemeinsames Protokoll austauschen. Wer eine Adresse bei @uni-magdeburg.de hat, kann problemlos mit jemandem unter @uni-rostock.de schreiben. Die Server sind verschieden, aber sie sprechen dieselbe Sprache. Genauso kann ein Fediverse-Account auf einem Server allen Accounts auf allen anderen Servern folgen. Sogar die Adressen sehen ähnlich aus: Eine Fediverse-Adresse wie @tomkalei@machteburch.social ist aufgebaut wie eine E-Mail-Adresse: Nutzername, @, Server, nur mit einem zusätzlichen @ am Anfang.
Das bekannteste Fediverse-Projekt ist Mastodon, eine Mikroblogging-Plattform ähnlich dem früheren Twitter. Daneben gibt es unter anderem PeerTube für Video, Loops für Reels und Pixelfed für Bilder. Alle diese Dienste können miteinander interagieren, weil sie denselben offenen Standard nutzen: ActivityPub, ein Protokoll des World Wide Web Consortiums (W3C). Es ist lizenzfrei und von keinem Unternehmen kontrolliert.
Die dezentrale Architektur macht das Fediverse ausfallsicher und insbesondere billionaire-proof: Kein einzelner Akteur kann dieses Netzwerk kaufen, abschalten oder nach Belieben umgestalten, anders als bei Twitter, das über Nacht zur höchst problematischen Plattform X wurde. Brembs, Lenardic und Chan argumentieren in Nature, dass genau das die Wissenschaft braucht. Jede Fachgesellschaft und jede Universität sollte einen eigenen Server betreiben, um wissenschaftlichen Diskurs als öffentliches Gut zu schützen
Was bedeutet das konkret? Wenn man sich beispielsweise auf Mastodon einloggt oder eine der zahlreichen Apps öffnet, sieht man eine chronologische Timeline von Nachrichten (auf Deutsch liebevoll „Tröts” genannt), die von Accounts, denen man folgt, geschrieben oder weiterverbreitet wurden. Dazwischen ist keine Werbung und es gibt auch keinen Algorithmus, der entscheidet, was sichtbar wird. Auf die Posts kann man antworten, sie weiterleiten oder mit einem Sternchen „gut finden”. Außer diesen Informationen speichert der Server nichts über einen. Die für Plattformen und Werbung entscheidende, lückenlose Vermessung des Nutzerverhaltens (von der kleinsten Mausbewegung bis zum genauen Standort der Nutzer*in) findet nicht statt.
Eine App ist aber nur eine Möglichkeit, mit dem Fediverse zu interagieren. Offene Schnittstellen ermöglichen Kreativität. Inhalte können z.B. direkt als News in die eigene Instituts-Homepage eingebunden werden. Man kann mit eigenen Programmen Posts archivieren, durchsuchen oder beliebig weiter nutzen. Die eigenen Daten liegen auf dem Server, auf dem man angemeldet ist, dem „Provider”, wie bei E-Mail. Traut man keinem Provider, betreibt man den Server selbst. Moderation erfolgt, wenn nötig, auf der Ebene der einzelnen Server, die sich aber über ihre Moderationsergebnisse auch austauschen und z.B. Spam-Block-Listen pflegen.
Mit Mathstodon gibt es einen sehr populären Mastodon-Server speziell für die mathematische Community. Er wird vom britischen Mathematiker Christian Lawson-Perfect (@christianp@mathstodon.xyz) administriert, der auch im Bereich Wissenschaftskommunikation bekannt ist. Zu den aktiven Nutzer*innen gehört unter anderem Terence Tao, Fields-Medaillist und einer der einflussreichsten Mathematiker unserer Zeit. Die Community umfasst Forschende, Lehrende und Mathematikbegeisterte aus aller Welt.
Mathematik im Fediverse beschränkt sich aber nicht auf Mathstodon. Das DFG-Schwerpunktprogramm Combinatorial Synergies (SPP 2458) nutzt Pixelfed, den föderierten Bilder-Dienst, um auf seinem Account @CombSynPeople@pixelfed.de die Menschen hinter der Forschung vorzustellen. Die Fachschaft Mathematik in Magdeburg (@faramath@mastodon.social), die Fachschaft Mathe/Info am KIT (@fsmikit@mastodon.social) und das Mathematische Institut in Göttingen (@migoettingen@academiccloud.social) sind auch auf Mastodon aktiv. Der Eigenraum-Podcast, ein Mathematik-Podcast vom Autor dieses Artikels, nutzt Mastodon für eigenständige Mathe-Posts und Community-Interaktion (@eigenraum@podcasts.social). Über das Netzwerk entstehen diverse Kontakte. Es gibt z.B. auch regelmäßig Rückmeldungen von Lehrkräften, die den Podcast im Unterricht einsetzen. Für mathematische Videoinhalte betreibt der Autor dieses Artikels unter tube.mathe.social eine eigene PeerTube-Instanz.mathe.social würde der Autor im Übrigen der DMV sehr gerne für einen Fediverse-Auftritt zur Verfügung stellen!
Auch institutionell tut sich einiges. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) ist seit November 2025 auf Mastodon aktiv und betreibt ihren Account @DPGPhysik@wisskomm.social auf wisskomm.social, einer Instanz für Universitäten und Forschungseinrichtungen@dfg_public@wisskomm.social), ebenso die Hochschulrektorenkonferenz (@HRK_aktuell@wisskomm.social). Die Gesellschaft für Informatik (@informatik@mas.to) bezeichnet Mastodon explizit als „Baustein für IT-Souveränität”helmholtz.social betreibt die Helmholtz-Gemeinschaft eine eigene Instanz, auf der etwa das Alfred-Wegener-Institut (@awi@helmholtz.social) quasi live von der Polarforschung am Südpol berichtet. Das KIT ist auf kit.edu.social aktiv. Die Universitätsbibliothek Groningen hat bereits 2023 X komplett durch Mastodon ersetztacademiccloud.social seit Ende 2022 eine Instanz für alle niedersächsischen Hochschulen sowie sämtliche Max-Planck-Institute. Ein weiterer Vorreiter ist die Universität Innsbruck: Auf social.uibk.ac.at betreibt sie eine eigene Mastodon-Instanz, auf der sich alle Universitätsangehörigen mit ihrem bestehenden Uni-Account anmelden können, genauso selbstverständlich wie bei der Uni-E-Mail.
In der Bildung und im Bibliothekswesen hat sich eine ebenso lebendige Community etabliert. Auf bildung.social vernetzen sich Tausende Lehrkräfte und unter openbiblio.social die Bibliotheks-Community. Unter Hashtags wie #FediLZ (das Fediverse-Lehrerzimmer), #Bildung und #OER werden Unterrichtsmaterialien unter offenen Lizenzen geteilt und Unterrichtsideen iterativ weiterentwickelt
Die Liste ließe sich fortsetzen und sie wächst stetig. Insgesamt entsteht so über Servergrenzen hinweg ein lebendiges mathematisches Netzwerk, das Teil des wissenschaftlichen Netzwerks ist, das wiederum Teil der großen gesellschaftlichen Diskussion ist — ein Fediversum.
Wer erst einmal nur lesen möchte, braucht nicht einmal einen Account: Die meisten Mastodon-Profile und Posts sind öffentlich im Browser zugänglich, ohne Datenabgabe, ohne Werbung, ohne Tracking, ohne Pop-up, das „Hier nur weiter mit Login” meldet. Einfach z.B. mathstodon.xyz besuchen und stöbern.
Wer dann selbst mitmachen will, besucht die Anmeldeseite eines Mastodon-Servers. Für Mathematik bietet sich mathstodon.xyz an, für Wissenschaft allgemein fediscience.org oder wisskomm.social. Diese Wahl ist auch nicht endgültig, denn man kann jederzeit umziehen und sowieso allen Fediverse-Accounts folgen. Viele Nutzer*innen wählen auch einen Server mit lokalem Bezug, wie z.B. bonn.social.
Nach der Anmeldung empfiehlt sich ein kurzer Vorstellungspost mit den Hashtags #neuhier und ggf. #Mathematik. Diesen kann man auch an sein eigenes Profil anheften, sodass er immer oben erscheint. Auf Mastodon kann man auch solchen Hashtags folgen und dadurch Accounts entdecken, die z.B. über Mathematik posten.
Wichtiger als diese Einzelpersonen sind nach Meinung des Autors aber die Universitäten und Fachgesellschaften. Sie müssen mit ihren Pressemitteilungen auf Mastodon und mit ihren Videoformaten auf PeerTube präsent sein, und zwar nicht nur als Ergänzung oder stiefmütterlich neben Instagram, sondern als Schritt heraus aus der Abhängigkeit. Die DPG und die DFG machen es vor; die DMV sollte unbedingt folgen.
Besser noch: Universitäten betreiben eigene Instanzen, wie Innsbruck es vormacht, und kommen damit ihrem digitalen Bildungsauftrag nach. Das bedeutet auch, intern Kompetenzen aufzubauen, bei Pressestellen, in der IT, bei den Mitgliedern der Universität und den Studierenden.
Jeder Post auf Instagram ist ein Geschenk an den Meta-Konzern. Jede Abhängigkeit, die wir heute akzeptieren, wird morgen schwerer zu lösen sein. Das Internet war einmal offen, föderiert und frei, mit den Universitäten ganz vorne. Die Mathematik hat mit Mathstodon, dem arXiv und einer gelebten Kultur der Offenheit gezeigt, dass diese Prinzipien funktionieren. Hören wir auf, den Plattformen zu dienen. Bauen und nutzen wir endlich nur noch die Infrastruktur, die uns dient!